Nach meiner Kritik an Sachsen: Die Reaktionen zeigen, dass Politiker dort nichts verstanden haben | Tim Gruebl

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Oben im Video: Viele ostdeutsche Politiker jammern zu viel und tun zu wenig, damit sich etwas ändert.

Ich bin für zwei Monate wegen eines Uni-Projektes von Bayern nach Sachsen gezogen und habe anschließend meine Erlebnisse hier in der HuffPost geschildert.

“Ich habe zwei Monate in einem sächsischen Dorf gelebt – jetzt weiß ich, was Deutschland zerreißt”, schrieb ich.

Auf diesen Kommentar hin habe ich auf Facebook und via E-Mail viele unterschiedliche Reaktionen geschickt bekommen, sogar an meine Privatadresse. Einige der Absender verstanden meine Schilderungen. Sie sind – genauso wie ich – der Meinung, dass man die vielfältigen Probleme in Ostdeutschland offensiv ansprechen muss.

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Ein junger Sachse bestätigte mir, dass meine Beobachtungen leider zum Alltag gehören und er diese Missstände seit seiner Kindheit erlebt.

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“So ein Blödsinn!”

Doch viele äußerten sich auch sehr kritisch, sogar abwertend über meinen Beitrag. Sie merkten an, dass im Osten doch so viel investiert worden sei und die Bilder, die ich gezeichnet hätte, nicht die Realität widerspiegelten.

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Ein sächsischer Bürgermeister schimpfte kurz über meinen Kommentar und weigerte sich dann, auch nur noch ein Wort mit mir zu wechseln. Auch ein sächsischer AfD-Politiker zeigte sich empört, wie “dieser fürchterliche Schreiberling” so einen “totalen Blödsinn” erzählen könne.

Bei allem Respekt: Es hat mich überrascht, wie viele Menschen den offensichtlichen Missstand in ihrer Heimat ignorieren.

Diese Probleme dürfen nicht weiter relativiert werden

Es ist mir bewusst, dass auch in Westdeutschland viele Probleme herrschen, die definitiv nicht unter den Teppich gekehrt werden dürfen.

In Nordrhein-Westfalen zum Beispiel: Während es Menschen in und um Köln und Düsseldorf gut geht, ist das Armutsrisiko im Ruhrgebiet enorm.

Aber rechtfertigt der Missstand in anderen Bundesländern, dass es in Ostdeutschland einen noch größeren geben darf? Mit sieben Prozent eine extrem hohe Arbeitslosenquote. Und in weiten Teilen einen immensen Wohnungsleerstand. Laut Bundesamt für Bauwesen und Raumordnung stehen in manchen ostdeutschen Kreisen sogar bis zu 15 Prozent der Wohnungen leer.

Diese Probleme dürfen nicht ignoriert, relativiert oder totgeschwiegen werden. Nicht in den sozialen Netzwerken und erst recht nicht in der Politik.

Einige Facebook-Nutzer warfen mir nach meinem ersten Kommentar sogar vor, die verwendeten Bilder würden aus einem Archiv stammen, also längst nicht mehr aktuell sein.

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Ja, es wurde viel investiert in Ostdeutschland. Aber Kreise wie das Altenburger Land oder der Vogtlandkreis liegen nunmal nicht direkt an den Großstädten wie Dresden oder Leipzig und werden so oftmals vom Fortschritt vergessen.

Aber: Verharmlosungen und Relativierungen, die man auch unter meinem letzten Beitrag finden konnte, sind in Ostdeutschland leider keine Seltenheit.

Der ehemalige sächsische Ministerpräsident Stanislaw Tillich hat lange Zeit das Problem des Rechtsextremismus in Sachsen verharmlost, bevor er in einer Rede zugeben musste, dass es doch größer sei, als bisher angenommen.

Für mich zeigt das, wie die Politik in Ostdeutschland versagt hat – und was nun getan werden muss, um die Situation nicht noch zu verschlimmern.

Richtige Investitionen und mehr Mitspracherecht

Erstens: Steuergelder müssen richtig investiert werden. Es bringt nichts, wenn wir modernisieren, aber keinen Verwendungszweck haben. Wenn wir beispielsweise ein Theater wieder schön machen, aber später niemand hingeht, dann hat am Ende niemand etwas davon.

Zweitens: Der Osten Deutschlands muss mehr Mitspracherecht erhalten. Nur fünf von 78 Bundesämtern sitzen in den neuen Bundesländern, dabei leben im Osten immerhin 20 Prozent aller Deutschen.

Eine Studie der Universität Leipzig hat außerdem ergeben, dass bundesweit nur 1,7 Prozent der Spitzenpositionen von Ostdeutschen besetzt sind. So ist es verständlich, wenn das Gefühl aufkommt, der Westen würde über den Osten regieren.

Politiker aus allen Parteien müssen die Sorgen der Menschen im Osten ernst nehmen und darauf richtig reagieren. Es bringt nichts, wenn Politiker eine nicht vorhandene Idylle inszenieren und Probleme einfach ignorieren.

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Wenn wir möchten, dass der Hass endlich verschwindet, dann müssen wir erstmal gleiche Lebensverhältnisse schaffen.

Erst dann können wir von jedem Menschen in Deutschland verlangen, dass er nicht nur meckert. Und dass wir zusammen für ein starkes und tolerantes Land kämpfen.

Leserumfrage: Wie fandet ihr uns heute?

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(jds)