Was im Gehirn von Kindern passiert, die nicht genug Liebe von ihren Eltern bekommen | Ulrich Pontes

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In Listen der verrücktesten Experimente aller Zeiten rangiert er normalerweise weit oben: ein Versuch mit Affenbabys, mit dem der US-Psychologe Harry Harlow Ende der 1950er Jahre das Wesen der Eltern-Kind-Beziehung erkunden wollte. Damals herrschte die Auffassung, Zuwendung verderbe Kinder eher, als dass sie ihnen nütze.

Dies beruhte auf dem behavioristischen Modell der Konditionierung: Eltern, so dachte man, würden durch Belohnung, vor allem in Form von Nahrung, bestimmte Verhaltensweisen fördern – für Liebe war in diesem Konzept kein Platz. “Das übermäßig geherzte Kind hat später schwere Klippen zu nehmen”, hieß es in einem vielgelesenen Erziehungsratgeber.

Diese aus heutiger Sicht unmenschliche Meinung wollte Harlow widerlegen – und ersann dazu ein grausames Experiment. Er isolierte neugeborene Rhesus-Äffchen von ihren leiblichen Müttern und gab ihnen als Ersatz zwei leblose Attrappen: die eine aus Draht, aber dank eines in Brustposition eingebauten Fläschchens fähig, die Jungen zu ernähren; die andere völlig ohne Nahrungsangebot, aber mit einem warmen, kuscheligen Stoffkörper ausgestattet.

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Und tatsächlich: Vor die Wahl gestellt, tranken die Äffchen zwar öfter kurz an der Brust der “Drahtmutter”, suchten ansonsten aber die Nähe der “Stoffmutter”. Selbst wenn Harlow den Affenbabys einen Schreck einjagte, indem er mechanische Monster auf sie losließ, begaben diese sich in den Schutz derjenigen “Mutter”, die sie nie ernährt, aber anschmiegsame Behaglichkeit gespendet hatte.

Harlows spektakulärer Versuch ist weitgehend in Vergessenheit geraten, und die damals für viele überraschende Erkenntnis, dass elterliche Zuwendung und Nähe für Kinder wichtig ist, dürfte heute bei vielen nur ein gelangweiltes Achselzucken hervorrufen.

Dabei ist es durchaus einen genaueren Blick wert, was die Wissenschaft inzwischen alles über die positiven Wirkungen von Zuwendung herausgefunden hat – und welche Verheerungen ihr Fehlen anzurichten vermag.

Vernachlässigung extrem: Kaspar-Hauser-Syndrom

Schon im 20. Jahrhundert fanden Forscher heraus: Der Mangel an Zuwendung und an Reizen führt dazu, dass sich körperliche und geistige Entwicklung verzögern oder gestört verlaufen. Mediziner sprechen von Hospitalismus, Deprivation oder in extremen Fällen vom Kaspar-Hauser-Syndrom.

Zu den vielfältigen Symptomen zählen motorische Verlangsamung, Teilnahmslosigkeit, soziale Kontaktstörungen, Wutanfälle, Angstzustände, Aufmerksamkeitsstörungen. All das – plus die Folgen von mangelnder Ernährung und Hygiene – war in verstörend drastischer Weise zu besichtigen, als 1990, nach Ende der Ceausescu-Diktatur, die Zustände in rumänischen Waisenhäusern für die Weltöffentlichkeit sichtbar wurden.

Bereits ein halbes Jahrhundert zuvor hatte der britische Kinderpsychiater John Bowlby begonnen, die Folgen zerrütteter und abgerissener Mutter-Kind-Beziehungen systematisch in den Blick zu nehmen.

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Mit seinem Buch “Bindung – Eine Analyse der Mutter-Kind-Beziehung” begründete er die psychologische Theorie der Bindung (englisch “attachment”), die heute allgemein anerkannt ist. Sie geht davon aus, dass Menschen ein Bedürfnis nach engen, emotionalen Beziehungen angeboren ist.

Solche Bindungen – nicht nur zur Mutter, wie man inzwischen weiß, sondern auch zu anderen und normalerweise zu mehreren Bezugspersonen – spielen besonders im Kleinkindalter eine zentrale Rolle; die Erfahrungen in dieser Phase prägen die gesamte emotionale und Persönlichkeitsentwicklung des Heranwachsenden.

Keine Angst vor Verwöhnung durch zu viel Nähe!

Ganz besonders für Kinder ist demnach die Nähe und liebevolle Zuwendung von Vertrauenspersonen lebensnotwendig – ein Bedürfnis, das aus evolutionärer Sicht sofort einleuchtet.

So schreibt der Kinderarzt und Entwicklungsexperte Herbert Renz-Polster: “Nähe bedeutete Schutz – und davon konnten Kinder in einer Zeit, als noch die Hyänen ums Lager schlichen und es noch keine Dreifachglasfenster gab, nicht genug bekommen!” Für Renz-Polster ist deshalb auch klar: Angst davor, Kinder durch zu viel Nähe zu verwöhnen, ist fehl am Platz.

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Das evolutionäre Erbe reicht natürlich noch einiges weiter zurück. So ist es etwa für Ratten und Mäuse essenziell, dass die Mütter – bei einigen Arten unterstützt von den Vätern – ihren Nachwuchs immer wieder ablecken (licking) und ihm das Fell pflegen (grooming).

In dieser frühen Phase schaffen es die Kleinen sonst nicht einmal, Darm und Blase zu entleeren. Vor allem aber hat elterliche Vernachlässigung psychische Folgen. So ergaben licking-and-grooming-Experimente: Ratten, die in ihrer Kindheit viel Liebkosungen empfangen, sind ihr Leben lang weniger ängstlich und stecken Stresstests wie das Schwimmen in einem engen Gefäß besser weg.

2004 konnten Forscher um Michael Meaney von der McGill University im kanadischen Montréal zeigen, dass dafür ein so genannter epigenetischer Schalter verantwortlich ist, der die Aktivität stressbezogener Gene reguliert.

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Dies wird unterstützt durch Versuche, in denen junge Mäuse wiederholt vom Muttertier getrennt werden. Sie sind später anfälliger für psychosozialen Stress, zeigen mehr Angst und leiden häufiger unter chronischen Darmentzündungen.

Neuere Ergebnisse deuten darauf hin, dass beim Menschen ganz ähnliche Mechanismen dazu führen, dass sich traumatische Erlebnisse im Kindesalter lebenslang auswirken können – etwa auf die psychische Verfassung und auf das Immunsystem.

Allerdings spielt auch eine Rolle, inwieweit die Erfahrungen psychisch verarbeitet werden: Die Psychologin Anna Buchheim, die heute an der Universität Innsbruck forscht, zeigte 2006 gemeinsam mit Kollegen: Zeigt man Frauen im Hirnscanner bindungsrelevante Bilder und lässt sie dazu passende persönliche Geschichten erzählen, so treten bei Probandinnen mit unverarbeiteten Bindungstraumata auffällige Aktivierungen in Amygdala, Hippocampus und unterem Schläfenlappen auf – also in Regionen, die mit negativen Gefühlen, autobiografischen Erinnerungen und hochemotionalen Prozessen assoziiert sind.

Nahe verwandt: Trennungsstress und Schmerz

Der akute Trennungsschmerz, wenn einem eine nahestehende Person fehlt, ist dabei nicht nur hochemotional, sondern tatsächlich nahe verwandt zu physischen Schmerzen.

So konnte Francesca D’Amato vom Institut für zelluläre und Neurobiologie in Rom an Mäusebabys zeigen, dass beide Arten von Schmerz über den gleichen Opioid-Rezeptor im Gehirn gesteuert werden.

Und Jaak Panksepp, Emeritus an der Bowling Green State University in Ohio und Pionier der affektiven Neurowissenschaften, hat für verschiedene grundlegende Emotionen verzweigte neuronale Systeme beschrieben.

Eine dieser Emotionen ist der Trennungsstress, den Panksepp als PANIC bezeichnet. Das zugehörige PANIC-System hat seinen Ursprung im Periaquäduktalen Grau des Tegmentums, einer Region, die auch für körperliche Schmerzempfindungen eine Schlüsselrolle spielt.

Umgekehrt lassen sich auch die Folgen positiver Bindungserfahrungen empirisch direkt nachweisen. Das gilt für kurzfristige Effekte – Hautkontakt mit den Eltern hilft Babys, Atmung, Kreislauf und Stoffwechsel zu stabilisieren.

Aber auch für langfristige: Aus psychologischen Langzeitstudien weiß man, dass Menschen mit sicheren Bindungen in der Kindheit sozial kompetenter sind, Krisen besser verkraften, seltener an Süchten und anderen psychischen Erkrankungen leiden.

Bindung als sichere Basis für Lernen und soziales Leben

Und noch eine weitere Auswirkung haben positive Bindungserfahrungen. Harlow kam mit den Rhesusäffchen zu folgendem Ergebnis: Waren sie alleine oder mit der Drahtmutter in einer fremden Umgebung, verhielten sie sich ängstlich und passiv. War dagegen die Stoffmutter im Raum, ließen sie ihrer Neugierde ganz unbekümmert freien Lauf.

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Mary Ainsworth, die Mit-Pionierin der Bindungstheorie, hat dafür den Begriff der “sicheren Basis” geprägt: Wer bei seiner Bezugsperson zuverlässig Halt und Trost findet, dem bietet die Bindung einen guten Ausgangspunkt für Erkundungen auf eigene Faust – die Kinder wagen dann, ihrem Entdeckerdrang nachzugehen, sich auf neue Situationen, Erfahrungen und Menschen einzulassen.

Bindungen sind also nicht nur ein überlebensnotwendiges Arrangement in Zeiten der Hilfsbedürftigkeit und emotionales Trostbonbon in schweren Momenten – sie sind auch die entscheidende Grundlage für das Lernen und die Entwicklung hin zu einem eigenständigen, selbstverantwortlichen Leben.

zum Weiterlesen:

Renz-Polster, Herbert: Kinder verstehen. Born to be wild: Wie die Evolution unsere Kinder prägt, München 2009
Gaschler, Katja und Buchheim, Anna (Hg.): Kinder brauchen Nähe. Sichere Bindungen aufbauen und erhalten, Stuttgart 2012

Der Beitrag erschien zuerst auf dasgehirn.info und wurde von der HuffPost Redaktion gekürzt.

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