Liebe Politiker, selbst zehnjährige Kinder verstehen mehr von Integration als ihr | Pit Gottschalk

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Übers Wochenende war ich beim Fußball. Nein, nicht irgendwo in der Bundesliga. Sondern in: Sankt Veit am Vogau, in der Südsteiermark, Österreich.

Mir wurde bester Fußball geboten. 28 Mannschaften aus acht Nationen: aus Kroatien, Rumänien, Ungarn, Tschechien, Italien und Slowenien sowie aus Österreich und Deutschland. Ach ja, alles U10: Kinder unter zehn Jahren.

Von morgens um halb zehn bis um sechs am Abend: War das eine Freude, die Kinder auf dem Dorfsportplatz zwischen Katholischer Kirche und Friedshofsmauer rennen zu sehen.

Die Religion spielt beim Fußball keine Rolle

Prominente Klubs hatten ihren Nachwuchs zu diesem Turnier geschickt: u.a. Juventus Turin und Borussia Dortmund, RB Leipzig und Red Bull Salzburg, TSV 1860 München und FC Augsburg, SK Rapid Wien und Admira Wacker sowie SK Sturm Graz.

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Unter den Kindern waren Christen und Moslems, Draufgänger und ganz Ruhige, welche mit Irokesenschnitt und welche mit Seitenscheitel – spielte alles so wenig eine Rolle wie die Hautfarbe. Die Kids wollten nur das eine: Fußball spielen und ihre Spiele gewinnen.

Ich dachte: Das also ist Europa. So vielfältig. So jung. So optimistisch.

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Es sind nur ein paar Jahre her, dass ein Grenzen überschreitender Vergleich unmöglich gewesen wäre. Jetzt aber unterhielten sich die Kinder mit Händen und Füßen, wenn die Sprache nicht reichte. Fast immer wurden unglückliche Zweikämpfe mit Handshake beendet.

2017-09-07-1504786616-8796518-CopyofHuffPost4.pngInside AfD – Die Community für Kritiker der Rechtspopulisten

Manchmal genügte ein Lächeln. Wie selbstverständlich hatte der Veranstalter den Kindern aus dem Ausland eine Unterkunft bei Gasteltern organisiert. Der BVB wurde die beste deutsche Mannschaft. Aber das blieb ohne Belang, als Hajduk Split den Siegerpokal bekam und allen Teilnehmern der Applaus des Publikums gewiss war. Das ist mein Europa, dachte ich.

Bei jedem TV-Auftritt spaltet die Afd Europa und Deutschland selbst

Warum das hier wichtig ist: Während des Turniers erschien in der WELT am Sonntag, was die AfD-Kandidatin Weidel über Rumänien geschrieben haben soll. Setzt man die Echtheit dieser Email voraus, wird es einem übel.

Zum einen dachte ich an meine rumänischen Studienkollegen, wie bei ihnen ein solcher Hass ankommen muss. Zum anderen blickte ich rüber zu den Kindern von CFR CLUJ aus Rumänien und zuckte kurz: Ob Herr Gauland auch diese Kinder am liebsten “entsorgen” möchte, wie er das bei der SPD-Politikerin Aydan Özoguz gesagt hat? Herr Gauland ist ein Idiot.

Die AfD will die Errungenschaft einer Europa-Politik kaputt machen, die Grenzen überwunden hat. Die AfD sendet Hass: Wo jeder “Ich, Ich, Ich” schreit und Deutschland meint, kann es kein “Wir, Wir, Wir” geben. Mit beinahe jedem TV-Auftritt und jedem Statement im Wahlkampf spaltet die AfD zuerst Deutschland vom Rest Europas und nicht zuletzt unser Land selbst.

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Auf dem Fußballplatz spürt man, was europäische Integration bedeutet

Die Kinder, die man in Sankt Veit sah, wollen miteinander spielen und nicht gegeneinander hetzen. Völkisch denkt hier keiner. Auf dem Fußballplatz spürte man, was europäische Integration bedeutet: allenfalls ein Wettstreit in Freundschaft. Der Gegner kommt aus Rumänien? Na und, schauen wir mal, wer besser kickt. Danach: Die Hand drauf am Mittelkreis.

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Manchmal wünschte man sich, Frau Merkel und andere Spitzenpolitiker würden nicht beim DFB-Team (Die Mannschaft) auf der Ehrentribüne sitzen, sondern zu kleinen Klubs wie in Sankt Veit am Vogau kommen. Sie könnten sehen, wo Politik Gutes tut, und davon reden.

Besser kann man seinen Unterschied zu den vielen Hasspredigern, Rechtsradikalen und Nervtötern in der AfD kaum aufzeigen. In der einen Mannschaft zum Beispiel gab ein Junge den Anführer: Selten habe ich ein Kind in diesem Alter erlebt, das sich fürsorglicher um seine Mitspieler kümmert und die Neuen im Kader einbindet.

Die Hautfarbe nenne ich nicht – denn auch die spielt überhaupt keine Rolle. Aber ich wäre später gerne sein Nachbar.

Es wird Leser auf Facebook geben, die meinen und schreiben: Gottschalk, bleib’ beim Sport – von Politik haste keine Ahnung. Ich sage denen: Sankt Veit hatte mehr mit Politik zu tun, als man glaubt.

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