Kein Internet, kein Kühlschrank und ein Budget von 30 Euro: Was es bedeutet, arm in einer reichen Stadt zu sein | Agnieszka Kankiewicz

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Jeder hat so seine Probleme mit 18: Vielleicht hast du deine letzte Mathe-Klausur verkackt. Oder dein Freund hat mit einer anderen rumgeknutscht. Oder diese hartnäckigen Pickel wollen einfach nicht verschwinden. Das war bei mir nicht anders.

Der wesentliche Unterschied war, dass ich als einzige aus meinem Freundeskreis alleine wohnte und erst Hartz IV, dann Schüler-Bafög bezog. Manchmal hatte ich nicht mehr als 30 Euro pro Monat zur Verfügung und das in einer der teuersten Städte Deutschlands.

Der Brief vom Jobcenter kam nie bei mir an

Natürlich sind weder Hartz IV noch Bafög darauf ausgelegt, dass man sich von 30 Euro ernähren soll. Aber manchmal schleichen sich eben Fehler ein ins soziale System, die Bedürftige dann ausbaden müssen. Fehler passieren, auch im Jobcenter oder Bafög-Amt. Organisationen sind nicht immer organisiert.

In meinem Fall gab es also einen Fehler.

Meine Familie bezog schon seit einer Weile Hartz IV. Als mein Vater starb und meine Mutter in eine andere Stadt zog, habe ich Schüler-Bafög beantragt, weil ich noch ein Jahr Schule vor mir hatte. Da sich die Bearbeitung hinzog, erhielt ich zunächst weiterhin Hartz IV.

Mehr zum Thema: Über zwei Millionen Kinder leben in Hartz-IV-Familien – das ist gegen das Gesetz

Nun fiel die Verlängerung meines Antrags wohl in die Vater-tot-und-Umzugs-Zeit, die ein bisschen turbulent war. Normalerweise sagt das Jobcenter dir Bescheid, wenn du deinen Hartz IV-Antrag verlängern musst.

Und ich weiß bis heute nicht, warum – aber diese Info kam niemals bei mir an. Vielleicht ist der Brief verloren gegangen. Vielleicht ging er niemals raus. Vielleicht hat meine Mutter mir das “How to do Hartz IV” nicht richtig erklärt.

Ich hatte Dreißig Euro für Essen im Monat

Jedenfalls war ich etwas überrascht, als das Jobcenter scheinbar wortlos nur die Kaltmiete meiner frisch bezogenen Wohnung zahlte. Mein Gehalt aus meinem Nebenjob war für den Umzug draufgegangen, mit meinem Kindergeld konnte ich noch die Nebenkosten, Strom, Nahverkehrsticket und Handyrechnung zahlen. Übrig blieben: 30 Euro.

Ich meldete mich natürlich sofort beim Jobcenter, um nachzuforschen, was passiert sein könnte. Ich habe gleich meinen Antrag verlängert, wurde aber vorgewarnt, dass die Bearbeitung nun mehrere Wochen in Anspruch nehmen würde. Das Jobcenter fand es nicht weiter dramatisch, dass ich nun von 30 Euro leben sollte. Also habe ich beschlossen, kein Drama draus zu machen.

Leider besaß ich weder einen Kühlschrank noch einen Herd. Solche Dinge zu kaufen war auf meiner Prioritätenliste nun ganz weit nach unten gerutscht. Meine Ernährung (die damals, zugegeben, alles andere als gesund war) wurde also noch simpler.

Meine Einkaufsliste bestand größtenteils aus Zwiebelbaguette und Kräcker.

Ein Zwiebelbaguette macht zwei Tage lang fantastisch satt (und es ist Gemüse drin – Zwiebel!) und die Kräcker geben dem Ganzen noch ein wenig Pepp.

Meine Situation war mir peinlich

Okay, meine Einkaufsliste war beschissen. Bevor wir uns jetzt über meine ungesunde und einseitige Ernährungsweise auslassen – klar, man hätte das alles sehr, sehr viel eleganter lösen können.

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Hartz IV, Wohnungsnot, Armut: Viele Menschen in Deutschland sind betroffen – hier sind ihre Geschichten

Es gibt zahlreiche günstige Lebensmittel, die man sich hätte stattdessen leisten können – ein paar Bananen zum Beispiel. Oder Äpfel. Aber ich habe mich damals einfach null mit gesunder Ernährung auseinander gesetzt und kannte das von zu Hause auch nicht. Das ist eine andere Geschichte.

Der Punkt ist: Jedenfalls wird man auch von 30 Euro, ohne Kühlschrank und ohne Kochmöglichkeit, irgendwie satt. Es ist halt nicht geil. Und (obwohl man das, wie schon gesagt, bestimmt besser hinkriegen kann als ich damals) richtig gesund wird’s wohl auch nicht sein.

Ich hatte damals sehr liebe Freunde, die meine Zwiebelbaguette-und-Kräcker-Diät nicht so gut fanden und mich ein paar Mal bei sich zu Hause einluden oder Müsliriegel, Cornflakes und Mandarinen vorbeibrachten.

Wir haben das damals mit Humor genommen und darüber gelacht, dass ich jetzt von meiner Ersatz-Familie durchgefüttert werde – aber eigentlich war das schon ein bisschen traurig. Und ein wenig peinlich.

Wenn ich zurückdenke, kommt mir die Zeit surreal vor

Als sich einen Monat später die ganze Geschichte wiederholte, konnte ich das nicht mehr mit Humor nehmen. Noch mal Unterricht ausfallen lassen, noch ein Gang zum Jobcenter. Und ich weiß, dass die Sachbearbeiter oft nichts dafür können, wenn ein Fall nicht sauber und schnell bearbeitet wird.

Aber mir war mittlerweile der Appetit auf Zwiebelbaguette vergangen und deswegen habe ich den Aufstand geprobt im Jobcenter (sollte der damalige Sachbearbeiter diesen Artikel lesen: Ich entschuldige mich aufrichtig für meine laute Stimme, ausfallende Wortwahl und Tränen schon am frühen Morgen. Ich hatte wahrscheinlich nicht ordentlich gefrühstückt).

Vielleicht hatten sie Mitleid, vielleicht wollten sie mich einfach nur schnell loswerden – jedenfalls bekam ich eine Kassenkarte und durfte mir den Regelsatz aus einem Automaten ziehen. Problem gelöst, überraschend einfach.

Wenn ich an diese Zeit zurückdenke, erscheint mir das alles surreal. 30 Euro gebe ich heutzutage manchmal bei einem einzigen Abendessen aus. Man lernt, dass man mit weniger auskommen kann, als man glaubt (und heute würde ich es definitiv klüger anstellen und meine 30 Euro besser investieren).

Was bleibt, ist die Einsicht

Man lernt aber auch, wie viel Zeit es frisst, kein Geld zu haben – das ständige Nachrechnen, Grübeln, Preise vergleichen. Man lernt, wie leicht man aus einer sozialen Gruppe ausgeschlossen wird, weil man an vielen Aktivitäten nicht mehr teilnehmen kann. Man lernt, wie schnell man zum Opfer wird.

Ich glaube aber, am deutlichsten bleibt mir in Erinnerung, wie hilflos man sich fühlt. Man versteht, dass man ein kleiner Teil im System ist und nicht immer vorrangig behandelt werden kann, selbst wenn es gerade eilt. Und genau das tut dann aber weh. Auch wenn es wahrscheinlich kein Sachbearbeiter dieser Welt persönlich meint: Man fühlt sich unwichtig.

Was bleibt, ist die Einsicht: Erkenne die Absurdität deiner Situation und lach drüber. Kümmere dich so schnell es geht um deinen Scheiß, erst recht, wenn du merkst, etwas läuft nicht nach Plan. Nimm nichts persönlich. Und schäm dich nicht, deine Frustration mitzuteilen.

So ist die Situation von Hartz-IV-Empfängern in Deutschland:

► Die Summe der Sanktionen, die die deutschen Jobcenter in den vergangenen zehn Jahren verhängt und nicht ausgezahlt haben, beträgt 1,9 Milliarden Euro.

► Sanktionen werden normalerweise wegen zwei Verstößen verhängt: gegen die sogenannten Verhaltenspflichten und gegen die Melde- und Mitwirkungspflichten.

► im Jahr 2016 gab es im Jahresdurchschnitt rund 134.000 erwerbsfähige Leistungsberechtigte, die von mindestens einer Sanktion betroffen waren.

► Kritisiert wird in diesem Zusammenhang vor allem, dass Sanktionen gegen das Grundrecht auf ein menschenwürdiges Existenzminimum verstoßen würden.

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