Die Schule als Baracke der Bildung? | Christian Erhardt

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Mehr als eine Million Kinder mehr an Deutschlands Schulen als bisher prognostiziert – den Schüler-Boom haben viele Politiker völlig verschlafen. Wieder einmal müssen es die Kommunen richten. Die wollen zwar, dürfen oftmals aber nicht, meint Christian Erhardt .

Ist der Staat eigentlich zu doof zum rechnen? Die Frage der Kollegen von „Bild am Sonntag” verlangt (leider) ein klares: JA! Es fehlen über 50.000 Lehrer. Grund auch: Die jüngste offizielle Schülerprognose stammt aus dem Jahr 2013. Dabei wäre es ziemlich einfach. Die Geburtenrate steigt, ein Kind das heute geboren wird, geht mit ziemlicher Sicherheit in sechs Jahren in die Schule. Geburtszahlen, Zuzüge und Schulwechsel in ein Rechenmodell eingegeben und es entsteht ein jederzeit aktueller Bericht. Aber ein vernünftiger Datenabgleich findet nicht statt. Willkommen in der digitalen Informationsgesellschaft.
Nun liegt der Ball also wieder bei den Kommunen und Landkreisen als Schulträger. Dort nämlich beschweren sich Eltern und Schüler über Unterrichtsausfall, „Hausmeister als Aushilfslehrer” und die teils desolate bauliche Ausstattung. 34 Milliarden Euro beträgt der kommunale Investitionsrückstand im Bildungsbereich. Bei entsprechender Finanzierung könnten die Kommunen die Probleme lösen – Bund und Länder lassen sie aber nicht gewähren. Lehrer einzustellen ist Ländersache. Und so gibt es bereits Bundesländer, die ein „Kopfgeld” auf jeden angeworbenen Lehrer aussetzen, andere versuchen es mit teuren Kino-Spots. Die bundesweite Rekrutierungsschlacht wirft nicht gerade ein gutes Bild auf den Bildungsföderalismus.

Wie würde sich die Situation eigentlich verändern, wenn Bund und Länder die Hoheit über die Schulen komplett an die Kommunen abgeben würden? Mit entsprechender finanzieller Ausstattung natürlich. Für jeden angemeldeten Schüler gibt es (nach Region, Schulform und Rahmendaten gestaffelt) eine Pauschale für die Schule. Die Kommunen stellen die Lehrer ein, sind für Haushalt, Personal und Profil ihrer Schulen komplett verantwortlich. Einheitliche Bildungsstandards garantieren zudem, dass alle auf dem gleichen „Bildungsniveau” sind. Vor Ort wissen die Kommunen am besten selbst, welcher „Typus Lehrer” in einer bestimmten Schule benötigt wird. Der „Quereinsteiger” – und ohne ihn wird es gar nicht gehen – ist hier bekannt, den zurückgeholten „pensionierte Lehrer” – auch auf ihn werden wir setzen müssen – kennen Bevölkerung und Gemeinde. Der Druck der Kommunen wird zudem steigen. Als – noch unter der alten Landesregierung in Nordrhein-Westfalen – zahlreiche Universitäten die Grundschulstudium zum Masterstudium verlängert haben, verringerte sich logischerweise erst mal die Zahl der Absolventen. Ein solches Vorgehen hätte – wären die Kommunen in der Verantwortung – wohl zu einem weit größeren Sturm des Protestes geführt. Die Städte und Gemeinden würden langfristig bei solchen Entscheidungen endlich deutlich besser eingebunden. Nein, sie würden den Druck so lange erhöhen, bis solche Entscheidungen ohne Anhörung der Kommunen gar nicht mehr gefällt würden.

Wären die Kommunen endlich nicht nur Schulträger, sondern tatsächlich für alle Belange der Schule selbst verantwortlich – sogar Kooperationen mit der Wirtschaft – vor allem bei der Ausstattung – würden denkbar. Denn der Ansprechpartner vor Ort kennt die möglichen Sponsoren der heimischen Wirtschaft, die Vernetzung mit dem örtlichen Amt für Wirtschaftsförderung ist möglich. Das alles mit weit weniger Bürokratie, einem Arbeitszeitkonto für Lehrer und vielen anderen kleinen Maßnahmen. Das würde erheblich
zur Akzeptanz und zur Verbesserung der Leistungsfähigkeit der Schulen beitragen. Viele Orte werden auf der Suche nach Lehrern von sich aus sogenannte „Soft Skills” bedienen. Sei es die Hilfe bei der Wohnungssuche für einen neuen Lehrer oder Hilfe bei der Betreuung der eigenen Kinder. Alles aus einer „kommunalen Hand” sozusagen.

Der größte Vorteil jedoch: Die Kommunen, ihre Kommunalpolitiker, werden automatisch die Leistungehttp://i.huffpost.com/gen/1509057/images/s-SCHULE-small.jpgn der Schulen noch viel mehr anerkennen. In Deutschlands Schulen gibt es viele gute Projekte und Vorzeigeinitiativen – nur werden sie kaum vorgezeigt. Diese Form der Anerkennung stärkt auch den Beruf des Lehrers – mehr als jede Kopfprämie oder noch so viele Kino-Spots. Das Projekt der Schule darf ruhig auch mal im Rathaus aufgehängt werden, das ist Anerkennung sowohl für die Schüler als auch für die Lehrer. Und somit künftig auch die beste Werbung für die Bildungspolitik der Kommune. Fakt ist: Der Lehrermangel und die Qualitätsprobleme zwingen zum Handeln. Wer, wenn nicht die Kommunen, können das stemmen. Vorausgesetzt Bund und Länder lassen uns machen – und stellen das nötige Geld zur Verfügung!