Brief an meine ehemals beste Freundin | Nadine Hoppmann

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Wir haben uns länger nicht mehr gesehen. Gerade auf einer Beerdigung müssen wir uns wiedersehen. Alt bist du geworden. Der Alkohol hat seine Spuren hinterlassen. Seit Jahren bist du immer der Star jeder Feier. Immer die, die am lautesten lacht, sobald Alkohol im Spiel ist.

Everybody’s Darling, Küsschen hier, Küsschen da. Die Männer bekamen sogar Küsse auf den Mund, die Ehefrauen fanden das nicht ganz so lustig. Meistens endete jede Feier mit deinem Totalabsturz. Ich hasse besoffene Weiber . Ein trauriges Bild.

Wenn es ganz schlimm mit dir war, suchtest du auch gerne die Nähe zu den Ex-Freunden deiner Tochter. Auch mit denen scheutest du dich nicht rumzumachen. Wie war das doch gleich? Du bist ja so glücklich verheiratet, oder?

Hast du zugenommen? Oder ist das Gesicht nur vom Alkohol so aufgeschwemmt? Du hast nicht einmal Tränen in den Augen. Die Augen sind mit Kajal und sämtlichen Hilfsmitteln immer schwarz angemalt, hat den Vorteil, dass man die Augenringe der durchsoffenen Nächte nicht sofort sieht.

Nichts war verlaufen, aber ich hatte auch nicht wirklich mit Tränen gerechnet. Als die alte Dame auf den Weg in den Himmel war, warst du schon auf dem Weg zum Kühlschrank. Sektpulle auf und rein, was geht. Bei der endgültigen Todesnachricht lagst du dann schon knülle auf dem Sofa.

Du kannst einfach nicht älter werden

Der Alkoholverbrauch stieg ins Unermessliche. Jetzt wurde auch morgens nicht mehr heimlich gesoffen. Die Tage bis zur Beerdigung wurdest du nicht mehr nüchtern. Jetzt schaue ich dich mal genauer an: Okay, du bist sehr fett geworden. Nun ja, schlank warst du jetzt eh nicht. Kleidest dich immer ein paar Jahre jünger. Du kannst einfach nicht älter werden, aber wenn das Gesicht das wahre Alter verrät, ist das schon schlecht. Heißt es nicht Alkohol konserviert?

Ich schweife ab. Also, der Kleidungsstil. Meistens und sehr gerne eine kurze Jeansjacke. Und ich meine eine richtig kurze. Da quillt der dicke Bauch unter der Jeansjacke heraus. Toller Anblick. Und dann diese geblümten Oberteile. ob das vom alten Gesicht und der großen Nase ablenken sollte? Hat nicht funktioniert.

Vielleicht hätte man während der Beerdigung alkoholische Getränke reichen sollen. Dann wäre dein nervöses Zucken und Zittern nicht so aufgefallen. Und du häffest nicht heimlich auf der Toilette saufen müssen.

Mir schaust du nicht einmal in die Augen. Dein Blick ist unruhig auf den Boden gerichtet. Du kannst mir noch nicht einmal mehr in die Augen schauen. Schäm dich! Warum war deine Mutter, übrigens auch so ein Guck-ins-Glas, als Einzige in einem weißen Trenchcoat gekleidet? Hätte die nicht auch etwas Schwarzes anziehen können?

Du warst mal meine Freundin, meine Vertraute, mein Kummerkasten, meine Beste.

Der Apfel fällt nicht weit vom Stamm, was Alkoholverbrauch, Kleidungsstil und Charakter betrifft. Die Beerdigung neigt sich dem Ende zu. Ich beobachte dich inzwischen genüsslich. Du bist so fertig. Geh in den Entzug!

Ich schreibe diese Zeilen aus einem ganz einfachen Grund. Du warst mal meine Freundin, meine Vertraute, mein Kummerkasten, meine Beste. Dir habe ich vertraut. Ich habe dir Dinge erzählt, die ich sonst niemandem erzählt habe. Zwischen uns war es Freundschaft auf den ersten Blick. Wir waren gleich vertraut miteinander. Eine Freundin, der man eigentlich nur einmal im Leben begegnet.

Du wusstest als Erste von unseren Heiratsplänen, von unseren Nachwuchsplänen, und als es dann geklappt hat auch. Dir habe ich erzählt, dass wir ein Mädchen bekommen und welchen Namen wir ausgesucht haben.

Doch was ist dann passiert? Plötzlich meldest du dich nicht mehr, obwohl wir sonst stundenlang telefoniert haben. Immer, wenn ich anrief, wolltest du mich auch gerade anrufen. Wenn wir verabredet waren, hast du plötzlich eine Stunde vorher abgesagt.

Ein klärendes Gespräch hat es ja zwischen uns nie gegeben

Du müsstest noch so viel putzen und kochen, war deine Ausrede. Hallo???? Das hat dich doch sonst auch nicht gestört. “Ich melde mich nächste Woche bei dir” – das waren die letzten Worte, die du zu mir gesagt hast. Das ist mittlerweile mehr als drei Jahre her.

Ich kann nur spekulieren, was der Grund oder die Gründe sein könnten. Ein klärendes Gespräch hat es ja zwischen uns nie gegeben. Wenn wir uns mal zufällig begegnet sind, dann bist du mit gesenktem Blick vor mir geflohen, wie in der Drogerie damals. Und auf der Familienfeier, als ich auf dich zugegangen bin, da wäre dir fast vor Angst das Bierglas aus der Hand gefallen.

Habe ich dir etwas getan? Habe ich dich mit irgendetwas verletzt oder enttäuscht? Oder habe ich gar nichts getan. Hast du dir nur jemand Neuen gesucht, mit dem du um die Häuser ziehen kannst? Ich als Neu-Mutti konnte das ja nicht mehr so.

Oder hat der ganze Alkohol einfach einen anderen Menschen aus dir gemacht? Oder warst du schon immer so, nur ich habe es nicht gemerkt? Wenn das so ist, bin ich froh, dich nicht mehr zu kennen. Ich bilde mir ein, dass ich sehr viel Menschenkenntnis habe, aber bei dir bin ich wohl gescheitert.

Ich komme ganz gut ohne dich klar

Du hast mir so wahnsinnig weh getan. Nächtelang habe ich gegrübelt, was der Grund sein könnte. Jede Träne der Verzweiflung warst du nicht wert. Die Leute, die mich vor dir gewarnt haben, und meinten, dass du ein falsches Stück bist, habe ich nicht ernst genommen. Inzwischen weiß ich, dass sie alle Recht hatten.

Ich war so dumm. Aber ich komme ganz gut ohne dich klar. Du hast mir nicht den Boden unter den Füßen weggezogen. Nein, du nicht, dafür bist du zu schwach, und ich zu stark. Aber du ziehst dir selber den Boden unter den Füßen weg. Mach weiter so.

Inzwischen habe ich sogar Mitleid mit dir. Wie kann man nur so tief sinken. Aber mein Mitleid ist mein Triumph. Du bist ganz unten, da wo du hingehörst.

Ich schreibe diese Zeilen, um mit dir abzuschließen. Ich bin fertig mit dir. Man sieht sich immer zweimal im Leben. Die Erde ist rund.

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